Magensäure spielt im Verdauungssystem des Pferdes eine zentrale Rolle.
Sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig können das empfindliche Gleichgewicht im Magen stören – mit Folgen für Verdauung, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit.
TL;DR - Magensäure beim Pferd
Magensäure ist für Pferde lebenswichtig: Sie startet die Eiweißverdauung, schützt vor Keimen und bereitet das Futter auf die weitere Verdauung vor.
Probleme entstehen nicht durch die Säure selbst, sondern dann, wenn das Gleichgewicht zwischen Säure und körpereigenen Schutzmechanismen gestört ist. Pferde produzieren rund um die Uhr Magensäure und sind deshalb auf kontinuierliche Futteraufnahme, lange Kaudauer und Speichelbildung angewiesen.
Fresspausen, große Kraftfuttermengen, Stress oder Training mit leerem Magen führen dazu, dass Säure zu lange auf empfindliche Magenbereiche trifft – besonders im oberen, drüsenlosen Teil.
Ein stabiles Magenmilieu entsteht durch pferdegerechte Fütterung, ausreichend Raufutter, Stressreduktion und – wenn nötig – pH-stabilisierende Ergänzungen. Nicht die Magensäure ist der Feind, sondern ein dauerhaftes Ungleichgewicht.
Inhalt
Der Pferdemagen besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Bereichen, die ganz verschieden auf Magensäure reagieren:
Hier wird die Magensäure gebildet. Dieser Bereich ist durch eine dicke Schleimschicht gut geschützt und kann extrem niedrige pH-Werte problemlos aushalten.
Dieser Abschnitt besitzt kaum eigenen Säureschutz. Senkt sich der pH-Wert zu stark ab – etwa bei längeren Fresspausen oder stärkehaltigen Mahlzeiten – wird die Schleimhaut schnell gereizt.
Die Übergangszone zwischen beiden Bereichen ist besonders empfindlich. Viele säurebedingte Probleme entstehen genau dort, wenn der Magen länger leer ist oder Fütterungsrhythmen nicht zur natürlichen Biologie des Pferdes passen.
Für eine ausführliche Beschreibung des Pferdemagens und seiner Schleimhaut findest du auf unserer Themenseite Magengeschwür weiterführende Informationen.
Magengeschwüre (EGUS: equine gastric ulcer syndrome) können in beiden Teilen entstehen. Sind sie im oberen (drüsenlosen) Teil anzutreffen, spricht man von ESGUS - equine squamous gastric ulcer syndrome. Im unteren, drüsenhaltigen Teil hingegen von EGGUS - equine glandular gastric ulcer syndrome. Letztere sind deutlich weniger erforscht, zu den Ursachen der Geschwüre in diesem eigentlich gut geschützten Bereich gibt es noch kaum belastbare Studien.
Magensäure ist keine homogene Flüssigkeit, sondern ein komplexes Gemisch aus verschiedenen Komponenten, die zusammen die Verdauung im Magen ermöglichen und den Futterbrei für den Darm vorbereiten.
Die wichtigsten Bestandteile von Magensäure:
Sie sorgt für den sehr niedrigen pH-Wert von etwa 1–2 im unteren Magenbereich. Salzsäure löst Futterstrukturen auf und schafft die Bedingungen, die Verdauungsenzyme benötigen.
Pepsin ist ein eiweißspaltendes Enzym, das erst im sauren Milieu aktiviert wird. Ohne diese Aktivierung kann das Pferd Proteine nicht optimal verwerten.
Sie schützen die Magenwand im drüsenhaltigen Bereich und stabilisieren das chemische Milieu.
Der Mageninhalt eines Pferdes ist nie gleich: Je nach Fütterung, Kautätigkeit und Stressniveau verändert sich das Verhältnis von Säure, Schleim, Futterpartikeln und Enzymen laufend.
Magensäure wird oft nur als „Risiko“ wahrgenommen, dabei erfüllt sie mehrere lebenswichtige Aufgaben im Verdauungssystem des Pferdes. Entscheidend ist nicht die Säure an sich, sondern wie kontrolliert und wo sie wirkt.
Magensäure aktiviert das Enzym Pepsin, das Eiweiße bereits im Magen aufspaltet. Ohne ausreichend niedrigen pH-Wert bleibt Pepsin inaktiv – und unverdaute Proteine gelangen in den Darm, wo sie Fehlgärungen begünstigen können.
Der extrem niedrige pH reduziert die Keimbelastung von Futter und Wasser. Bakterien, Schimmelsporen und Hefen, die im Raufutter ganz natürlich vorkommen, werden dadurch größtenteils unschädlich gemacht.
Magensäure beeinflusst den Zeitpunkt, an dem Futter in den Dünndarm weitergeleitet wird. Ein zu hoher oder zu niedriger Säuregehalt kann diese Regulierung durcheinanderbringen – mit Folgen für den gesamten Verdauungsablauf.
Die Säure löst Futterstrukturen auf, denaturiert Proteine und bereitet Pflanzenfasern so vor, dass sie im Darm besser verwertet werden können.
Kurz gesagt:
Magensäure ist unverzichtbar. Probleme entstehen erst dann, wenn sie zu lange, zu konzentriert oder an ungünstigen Stellen mit der Magenwand in Kontakt kommt.
Pferde produzieren bis zu 30 Liter Magensaft pro Tag.
Damit der Pferdemagen trotz kontinuierlicher Säureproduktion im Gleichgewicht bleibt, verfügt er über mehrere effektive Schutzmechanismen. Diese funktionieren jedoch nur dann optimal, wenn Fütterung und Haltung zur natürlichen Biologie des Pferdes passen.
Speichel enthält relevante Mengen Bicarbonat, das Magensäure neutralisiert und den pH-Wert anhebt.
Wichtig zu wissen:
Faserreiches Raufutter bildet im Magen eine Art "Schutzmatte", die:
Fehlt diese Faserstruktur, kann die Säure leichter nach oben steigen und dort die Schleimhaut reizen. Außerdem regt Raufutter die Kautätigkeit an, wodurch mehr Speichel produziert wird.
Der drüsenhaltige Teil des Magens schützt sich selbst vor der Säure durch:
Prostaglandine sind körpereigene Botenstoffe, die im Magen zwei zentrale Schutzfunktionen übernehmen:
Studien zeigen, dass entzündungshemmende Schmerzmittel wie Phenylbutazon oder Flunixin die körpereigene Magenschleimhautempfindlichkeit erhöhen, weil sie die Bildung schützender Prostaglandine hemmen. Dadurch werden Schleimproduktion, Durchblutung und Reparaturmechanismen der Schleimhaut geschwächt – und die Magenschleimhaut reagiert empfindlicher, selbst bei normaler Säureproduktion (Flood & Stewart, 2022).
Magenschleimhautprobleme entstehen oft nicht, weil zu viel Säure da ist, sondern weil die körpereigenen Schutzsysteme geschwächt sind.
Der pH-Wert im Pferdemagen ist nicht überall und nicht zu jeder Zeit gleich. Er verändert sich je nach Magenregion, Fütterung, Stress und Bewegung. Moderne 24-Stunden-Messungen geben ein sehr klares Bild:
Dieser Bereich produziert die Magensäure und ist darauf ausgelegt, dauerhaft ein extrem saures Milieu auszuhalten.
Typische Eigenschaften:
Dieser Abschnitt reagiert deutlich empfindlicher auf Säure. Studien zeigen:
Hier entscheidet vor allem das Fütterungsmanagement, wie gut oder schlecht die Schleimhaut geschützt ist.
Viele Probleme im Magen entstehen nicht durch „zu viel Säure“, sondern dadurch, dass die Säure zu lange am falschen Ort wirkt. Verschiedene Faktoren können das empfindliche Gleichgewicht im Magen stören:
Lange Pausen sind der wichtigste Risikofaktor für einen zu niedrigen pH-Wert im drüsenlosen oberen Magenbereich.
Warum?
Kraftfutter beeinflusst das Säuremilieu im Magen gleich mehrfach:
Besonders problematisch ist stärkereiches Kraftfutter (z. B. Getreide):
Stärke führt zu einem schnelleren und stärkeren pH-Abfall,
fördert die Bildung flüchtiger Fettsäuren,
und kann die empfindliche Schleimhaut zusätzlich reizen.
Tipp am Rande: Kraftfutter ist nicht grundsätzlich schlecht – auch nicht für Pferde mit empfindlichem Magen. Entscheidend sind Zusammensetzung, Fütterungszeitpunkt und Menge.
Raufutter sollte immer vor dem Kraftfutter gefüttert werden. Nach etwa 30 Minuten ist bereits genügend Speichel (Bicarbonat) gebildet und eine schützende Fasermatte im Magen entstanden, die den oberen, empfindlichen Bereich vor Säurekontakt schützt. Wesentlich mehr dazu erfährst du auf unseren Themenseiten zur Fütterung von Pferden mit Magenproblemen.
Stress führt nicht zwingend zu „mehr Säure“, aber er beeinflusst den Magen auf andere, entscheidende Weise:
Der Effekt: Die Säureeinwirkung wird verlängert.
Das Stresslevel eines Pferdes ist sehr individuell. Folgende Faktoren sind häufig für Stress verantwortlich:
Mehr zum Thema Stress und dessen Einfluss auf den Pferdemagen findest du auf unserer ausführlichen Themenseite Stress bei Pferden
Beim Reiten werden Mageninhalt und Säure durch die Bewegung regelrecht hochgeschwappt.
Problematisch wird das vor allem, wenn:
der Magen leer ist
wenig Raufutter im Vorfeld gefressen wurde
das Pferd bereits Stress oder Säureüberschuss hat
Eine kleine Portion Heu 30–60 Minuten vor dem Reiten kann diesen Effekt deutlich reduzieren.
Transport ist wissenschaftlich gut untersucht:
der pH-Wert fällt messbar ab
Pferde fressen oft wenig oder gar nicht
Stress + Fresspause verstärken sich gegenseitig
Auch Routineänderungen oder Stallwechsel können kurzfristig das Säuregleichgewicht stören.
Alle oben genannten Faktoren führen am Ende zu genau einem Problem:
Die Säure trifft stärker oder länger auf Bereiche, die keinen eigenen Schutz besitzen oder deren Schutz beeinträchtigt ist.
Das Ergebnis kann sein:
Reizungen der Schleimhaut
Veränderungen im pH-Milieu
Folgeprobleme im Darm
schlechtere Verdauung und Futterverwertung
Schmerzen und Leistungsabfall
Magensäure ist nicht grundsätzlich schlecht – entscheidend ist, dass sie nicht unkontrolliert an den empfindlichen oberen Magenbereich gelangt und dass die Schutzmechanismen im unteren Magenbereich korrekt funktionieren.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Säurehaushalt zu unterstützen. Einen ausführlichen Vergleich zwischen Magenschutz, Säurepuffern und Säureblockern findest du hier:
Was unterscheidet Magenschutz, Säurepuffer und Säureblocker?
Kurz zusammengefasst:
Arzneimittel wie Omeprazol reduzieren die Säureproduktion drastisch.
Sie sind wichtig bei diagnostizierten Magengeschwüren, aber nicht für die dauerhafte Prophylaxe geeignet, da sie das natürliche Magenmilieu verändern. Ist keine Magensäure vorhanden, kann sie ihren eigentlichen Aufgaben in der Verdauung auch nicht nachkommen.
Pufferstoffe wie Calciumcarbonat oder spezielle Algenpräparate können überschüssige Säure abfangen, ohne die notwendige Säureproduktion komplett zu unterdrücken.
Dazu gehört auch Equine 74 Gastric: Es bindet überschüssige Säure und stabilisiert den pH-Wert über einen längeren Zeitraum, ohne die Verdauungsfunktion zu blockieren.
Magenschoner wirken nicht auf die Säure selbst, sondern unterstützen die Magenschleimhaut. Besonders geeignet sind pektinreiche Futtermittel wie ungezuckerte Rübenschnitzel. Pektine können zusammen mit Magensäure und Speichel eine gelartige Schutzschicht bilden, die die Schleimhaut kurzzeitig entlastet.
Pektinhaltige Zusätze zeigen in einzelnen Studien (z.B. Woodward et al., 2014) positive Effekte auf Magenschleimhaut und Läsionen, sind aber keine Garantie. Ihre Wirkung hängt sehr stark von Fütterung, Fressrhythmus, Gesundheit und Management ab.
Rund um Magensäure und Magenschutz kursieren viele Annahmen, die in der Praxis immer wieder zu falschen Entscheidungen führen. Diese Mythen halten sich hartnäckig – obwohl sie wissenschaftlich widerlegt sind.
Fakt:
Magensäure ist lebensnotwendig. Sie aktiviert Enzyme, schützt vor Keimen und sorgt dafür, dass Futter richtig verdaut wird.
Probleme entstehen nicht durch die Säure selbst, sondern durch u.a.:
falsches Fütterungsmanagement
lange Fresspausen
Stress
Kraftfutter in großen Mengen
Nicht die Säure ist der Feind – sondern ein Ungleichgewicht.
Fakt:
Omeprazol reduziert die Säureproduktion sehr stark. Das ist bei einem diagnostizierten Magengeschwür in der Akutphase sinnvoll – aber für gesunde Pferde problematisch.
Warum?
Weniger Magensäure bedeutet eine beeinträchtigte Proteinverdauung, da Pepsin bei höheren pH-Werten weniger aktiv ist. Außerdem fehlt ein wichtiger Schutzmechanismus gegen Keime und Bakterien, die über das Futter aufgenommen werden.
Nach dem Absetzen kann es kurzzeitig zu Rebound-Effekten (überschießende Säureproduktion) kommen.
Prävention funktioniert am besten über Fütterung, Kaudauer, Stressreduktion und pH-stabilisierende Futtermittel – nicht über Säureblocker.
Fakt:
Ein gereizter Magen ist nicht automatisch gleich ein Magengeschwür. Allerdings können Magengeschwüre sehr schnell entstehen. Es lohnt sich also, aufmerksam zu sein und bei einem Verdacht den Tierarzt hinzuzuziehen.
Eine eindeutige Diagnose kann nur mittels Gastroskopie gestellt werden.
Fakt:
Heu ist der wichtigste Baustein, aber kein vollständiger Schutz.
Denn:
auch bei Heu ad libitum können Stress, Transport, Training oder Unruhe den pH-Wert beeinflussen
individuelle Sensibilität spielt eine große Rolle
pH-stabilisierende Ergänzungen können trotzdem sinnvoll sein
Heu bildet die Basis – aber nicht die ganze Lösung. Und ganz nebenbei: Lange nicht jedes Pferd verträgt unbegrenzten Zugang zu Heu.
Fakt:
Appetitlosigkeit kann viele Ursachen haben:
Zahnprobleme
Schmerzen
Stoffwechselstörungen
Stress
Darmprobleme
Magenschleimhautreizungen (nicht zwingend wegen zu viel Säure)
Ein „Überschuss an Säure“ ist daher nur eine von vielen möglichen Ursachen. Viele Symptome, die mit dem Magen in Verbindung gebracht werden, können ebenso gut durch völlig andere Erkrankungen entstehen. Erst die Gesamtschau aller Befunde – inklusive Fütterung, Verhalten, klinischer Untersuchung und ggf. Gastroskopie – erlaubt eine verlässliche Einschätzung.
Quellen
Woodward, M. C., Huff, N. K., Garza, F., Keowen, M. L., Kearney, M. T., & Andrews, F. M. (2014).
Effect of pectin, lecithin, and antacid feed supplements on gastric ulcer scores, gastric fluid pH and blood gas values in horses. BMC Veterinary Research, 10(Suppl 1), S4. https://doi.org/10.1186/1746-6148-10-S1-S4
Damke, Cornelia & Snyder, Alice & Uhlig, Albrecht & Coenen, Manfred & Schusser, Gerald. (2015). Impact of diet on 24-hour intragastric pH profile in healthy horses. Berliner und Münchener tierärztliche Wochenschrift. 128. 345-349. 10.2376/0005-9366-128-345.
Bell, R. J. W., Mogg, T. D., & Kingston, J. K. (2007). Equine gastric ulcer syndrome in adult horses: A review. New Zealand Veterinary Journal, 55(1), 1–12. PDF: https://irp-cdn.multiscreensite.com/d048e3f1/files/uploaded/U-Equine%20gastric%20ulcer%20syndrome%20in%20adult%20horses.pdf
Paul, L. J., Ericsson, A. C., Andrews, F. M., McAdams, Z., Keowen, M. L., St Blanc, M. P., & Banse, H. E. (2022). Dietary and management factors influence the equine gastric microbiome. Journal of the American Veterinary Medical Association, 260(S3), S111–S120. https://doi.org/10.2460/javma.22.07.0277.
Masoud Ahmadnejad, Ghader Jalilzadeh-Amin, Benjamin W Sykes, Prophylactic effects of Glycyrrhiza glabra root extract on phenylbutazone-induced Equine Glandular Gastric Disease (EGGD), Journal of Equine Veterinary Science, Volume 118, 2022, 104088, ISSN 0737-0806, https://doi.org/10.1016/j.jevs.2022.104088.
Flood, J., & Stewart, A. J. (2022). Non-Steroidal Anti-Inflammatory Drugs and Associated Toxicities in Horses. Animals, 12(21), 2939. https://doi.org/10.3390/ani12212939
Vokes, J., Lovett, A., & Sykes, B. (2023). Equine gastric ulcer syndrome: An update on current knowledge. Animals, 13(7), 1261. https://doi.org/10.3390/ani13071261
Auf unserer Themenseite findest Du viele weitere Informationen und Links zum Thema Magengeschwür beim Pferd. Auch die Möglichkeiten hinsichtlich Prävention von Magengeschwüren bei Pferden werden hier beschrieben.