Dein Pferd kommt steif aus der Box, braucht eine halbe Ewigkeit zum Einlaufen oder läuft auf einer Hand merklich ungeschmeidiger als auf der anderen. Vielleicht fehlt die Losgelassenheit, die Hinterhand schiebt nicht richtig durch – und du fragst dich, woran das liegt. Steifheit gehört zu den häufigsten Beobachtungen, mit denen Reiter zum Tierarzt oder Osteopathen kommen. Dabei ist nicht jede Steifheit gleich ein Problem – aber keine sollte dauerhaft ignoriert werden.
Wenn dein Pferd steif aus der Box kommt oder bei den ersten Schritten unter dem Sattel noch nicht richtig loslässt, ist das nicht automatisch ein Zeichen für etwas Ernstes. Trotzdem ist es wichtig, Steifheit nicht mit Lahmheit zu verwechseln – denn beide erfordern ein anderes Vorgehen.
Lahmheit bedeutet, dass das Pferd ein Bein aktiv entlastet oder die Bewegung schmerzhaft eingeschränkt ist. Je nachdem, ob das Pferd in der Stützbein- oder Hangbeinphase betroffen ist, zeigt sich das unterschiedlich: Bei einer Stützbeinlahmheit nickt der Kopf nach oben, wenn das kranke Bein belastet wird bzw. andersherum: Es "fällt" auf das gesunde Vorder- oder Hinterbein. Bei einer Hangbeinlahmheit verkürzt sich die Vorführphase – das betroffene Bein wird weniger weit nach vorne geführt. Lahmheit hat fast immer eine konkrete, lokalisierbare Ursache und gehört immer in die Hände eines Tierarztes.
Steifheit sieht anders aus. Das Pferd bewegt sich eingeschränkt, schont aber kein einzelnes Bein. Die Bewegung sieht insgesamt "unrund" aus. Typisch ist der sogenannte Warm-up-Effekt: Nach 10 bis 20 Minuten ruhiger Bewegung im Schritt löst sich die Steifheit spürbar auf, das Pferd wird geschmeidiger. Dieses Muster spricht dafür, dass Muskeln oder Bindegewebe beteiligt sind – nicht zwingend ein akutes Problem.
Aber auch hier gilt: Wenn sich Steifheit trotz Warmreiten nicht bessert, wenn sie einseitig ist oder wenn du das Gefühl hast, dass dein Pferd sich wirklich unwohl fühlt, ist tierärztliche Abklärung der richtige nächste Schritt.
Steifheit ist kein Krankheitsbild, sondern ein Symptom – und dahinter können sehr unterschiedliche Dinge stecken. Die drei häufigsten Ursachen sind Muskelverspannungen, Gelenkprobleme und Blockaden.
Muskeln reagieren empfindlich auf Belastung – das kennen Reiter an sich selbst: Wer nach einer langen Pause das erste Mal wieder intensiv reitet, spürt am nächsten Morgen jeden Muskel. Beim Pferd ist es nicht anders. Zu wenig Aufwärmen, einseitiges Training, eine plötzliche Steigerung der Arbeitsintensität oder dauerhafter Stress können dazu führen, dass die Muskulatur sich verspannt und nicht mehr richtig loslässt – häufig im Rücken, in der Kruppe oder in der Halsmuskulatur.
Dazu kommt ein biochemischer Prozess, den jeder Sportler kennt: Bei intensiver Belastung ohne ausreichend Sauerstoff – zum Beispiel nach einer anstrengenden Galopparbeit – entsteht Laktat (Milchsäure) in der Muskulatur. Das Pferd wird kurzfristig schwer und steif, löst sich nach ausreichend Bewegung aber wieder. Anders bei chronischen Verspannungen: Die entstehen schleichend, oft über Wochen, und haben fast immer eine Ursache, die es zu finden gilt – sei es das Training, der Sattel oder der Reiter selbst.
Mit zunehmendem Alter – aber auch durch Fehlbelastung oder alte Verletzungen – kann der Knorpel in den Gelenken dünner werden. Die Folge ist eine eingeschränkte Gleitfähigkeit, die sich als Steifheit zeigt, besonders nach Ruhe. Arthrose beim Pferd ist nicht heilbar, je nach Befund kann sie aber gemanagt werden – vorausgesetzt, sie wird erkannt. Die Diagnose stellt ausschließlich der Tierarzt, meist per Röntgen oder Ultraschall.
Häufig betroffene Gelenke sind Fesselgelenk, Hufgelenk, Sprunggelenk (Spat) und das Iliosakralgelenk (ISG) zwischen Becken und Wirbelsäule.
Blockaden entstehen, wenn Gelenke oder Wirbelstrukturen in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind – nicht durch Knorpelabbau, sondern durch funktionelle Einschränkungen, die sich oft aus Fehlbelastung, einseitigem Training oder (alten) Verletzungen entwickeln. Das Pferd kompensiert, andere Strukturen übernehmen, und der Teufelskreis beginnt. Hierfür reicht auch schon zu ausgelassenes Bocken auf der Weide oder ein Sturz.
Blockaden im ISG oder entlang der Wirbelsäule sind häufige Befunde beim Osteopathen oder Physiotherapeuten. Sie lassen sich in vielen Fällen gut behandeln, gehören aber in professionelle Hände.
Gelegentliche Morgensteife, die sich nach ein paar Minuten Schritt auflöst, ist bei vielen Pferden normal – besonders bei älteren. Problematisch wird es, wenn die Steifheit dauerhaft bleibt, sich verschlimmert oder bestimmte Muster zeigt, die auf eine tiefere Ursache hinweisen.
Ein klassisches Warnsignal: Das Pferd wird auch nach 15 bis 20 Minuten Warmreiten nicht lockerer. Oder es ist auf einer Hand deutlich steifer als auf der anderen – ein Hinweis, der immer ernst genommen werden sollte, weil er auf eine einseitige Belastung, eine Blockade oder ein beginnendes Gelenkproblem hindeuten kann.
Daneben gibt es Faktoren, die Steifheit zusätzlich verstärken – manchmal ohne dass das Pferd grundsätzlich krank ist:
Die gute Nachricht: Bei den meisten Formen von Steifheit gibt es wirksame Stellschrauben – und viele davon kosten nichts außer Zeit.
Aufwärmen ernst nehmen
15 bis 20 Minuten lockerer Schritt am Anfang jeder Einheit sind keine verlorene Zeit, sondern Pflicht. Im Schritt werden die Gelenke mit Gelenkflüssigkeit versorgt, die Muskulatur durchblutet und das Gewebe auf Belastung vorbereitet. Wer diese Phase abkürzt, riskiert nicht nur eine schlechtere Trainingsqualität, sondern auch langfristige Schäden. Das gilt besonders im Winter und für ältere Pferde. Je kälter die Temperaturen und je weniger Bewegung das Pferd vor dem Training hatte, desto länger sollte die Schrittphase sein. Idealerweise werden sogar mindestens die ersten 5-10 Minuten Schritt geführt, bevor das Pferd mit dem Reitergewicht belastet wird.
Lockerer Galopp geradeaus oder auf sehr großen Linien öffnet die Gelenke. Das lässt sich durch nichts ersetzen. Und ganz nebenbei reinigt es die Lunge und kann Atemproblemen vorbeugen oder sie zumindest reduzieren.
Regelmäßige Bewegung statt intensiver Arbeitstage
Drei intensive Trainingstage mit langen Pausen dazwischen tun steifen Pferden selten gut. Besser ist tägliche, moderate Bewegung – ob unter dem Sattel, an der Hand oder auf der Weide. Der Körper braucht den regelmäßigen Reiz, um Muskeln locker und Gelenke geschmiert zu halten. Stehen ist der Feind – Bewegung ist die Therapie.
Freie Bewegung ermöglichen
Möglichst viel Weidegang oder zumindest Auslauf auf großzügigen Paddocks in fester Gruppe – das sollte für jedes Pferd selbstverständlich sein, ist für steife Pferde aber noch einmal wichtiger. Im Winter sind befestigte Paddocks kein Luxus, sondern Pflicht: Matsch bis zum Fesselgelenk lädt nicht zur Bewegung ein und macht steifen Pferden das Leben spürbar schwerer. Und die Gruppe sollte harmonisch sein – das Pferd soll sich frei bewegen, nicht gejagt werden.
Wärme gezielt einsetzen
Bei muskelbedingter Steifheit kann Wärme vor dem Training helfen – besonders im Winter. Ein Solarium beim Putzen und Satteln, eine dicke Abschwitzdecke beim Warmreiten oder eine Nierendecke beim Training an kalten Tagen sind einfache und bewährte Mittel. Wer kein Solarium hat: Ein selbstgenähtes Körnerkissen oder eine Decke mit Dinkelspelzfüllung ist eine günstige Alternative. Die Dinkelspelz-Variante braucht keine externe Wärmequelle – sie nutzt die Körperwärme des Pferdes. Im Reitsporthandel gibt es darüber hinaus zahlreiche spezielle Rückenwärmer für Pferde.
Wichtig: All das hilft vor allem bei Verspannungen im Rücken oder in der Halsmuskulatur. Bei Arthrose in den Gliedmaßen ist Wärme zwar nicht schädlich, aber weniger zielführend.
Therapeutische Begleitung
Wenn Steifheit trotz aller Maßnahmen bleibt, lohnt sich eine professionelle Bestandsaufnahme. Der sinnvollste Weg: zuerst zum Tierarzt, um ernste oder akute Ursachen auszuschließen – und erst dann, je nach Befund, weiter zu Osteopath, Physiotherapeut oder Chiropraktiker. Erfahrene Pferdebesitzer können diesen Weg manchmal abkürzen, aber im Zweifel gilt: lieber einmal zu oft den Tierarzt rufen als einmal zu wenig.
Liegt keine akute Erkrankung vor, können Osteopathie und Physiotherapie Blockaden lösen und die Grundlage für langfristige Verbesserung schaffen. Und wer sich nicht sicher ist, ob das Pferd wirklich nur steif oder doch lahm ist – auch dann ist der Tierarzt der richtige erste Ansprechpartner.
Eine gute Nährstoffversorgung schafft die Grundlage dafür, dass Muskeln und Gelenke überhaupt optimal funktionieren können. Einige Nährstoffe spielen dabei eine besonders wichtige Rolle.
Magnesium
Magnesium ist an der Muskelentspannung beteiligt – vereinfacht gesagt: Calcium löst die Muskelkontraktion aus, Magnesium beendet sie. Ein Mangel kann sich in erhöhtem Muskeltonus, Krämpfen und Nervosität äußern. Gerade Pferde auf magnesiumarmen Böden oder mit hohem Stresslevel sind häufig unterversorgt.
Vitamin E und Selen
Beide wirken zusammen als Antioxidantien und schützen die Muskelzellen vor oxidativem Stress – also vor Schäden, die durch intensive Belastung entstehen. Vitamin E ist in frischem Gras reichlich vorhanden, in Heu aber stark reduziert. Ähnliches gilt für Selen: Die Böden in Deutschland sind in weiten Teilen selenarm, was sich direkt im Grundfutter niederschlägt. Pferde, die überwiegend Heu fressen und keinen Weidegang haben, sind häufig unterversorgt. Eine Supplementierung ist in vielen Fällen sinnvoll – idealerweise auf Basis einer Blutuntersuchung, denn Mangel und Überversorgung können ähnliche Symptome zeigen.
Aminosäuren und Proteinqualität
Muskelgewebe besteht zu einem großen Teil aus Proteinen – und Proteine setzen sich aus Aminosäuren zusammen. Besonders Lysin, Methionin und Threonin sind beim Pferd häufig limitierende Faktoren, weil sie in vielen Grundfuttermitteln in zu geringer Menge oder schlechter Bioverfügbarkeit vorkommen.
Was oft vergessen wird: Ältere Pferde haben einen erhöhten Proteinbedarf, weil die Verwertungseffizienz mit dem Alter sinkt. Die landläufige Meinung, alte Pferde bräuchten wenig oder kein Kraftfutter, ist deshalb problematisch – zumindest dann, wenn das Grundfutter die Proteinversorgung nicht ausreichend abdeckt.
Manchmal ist alles abgeklärt: Der Tierarzt hat keine Lahmheit festgestellt, der Sattel sitzt, der Osteopath war da – und das Pferd bleibt trotzdem steif, unrund, irgendwie nicht ganz bei sich. Besonders bei chronischer, diffuser Steifheit ohne klaren Befund lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und das Gesamtbild zu betrachten.
Was viele nicht wissen: Muskeln und Gelenke werden nicht nur mechanisch reguliert, sondern auch über das Nervensystem. Ein Körper unter Dauerstress – sei es durch Schmerz, Haltungsbedingungen oder psychische Belastung – hält die Muskulatur dauerhaft in erhöhter Anspannung. Das Pferd kann gar nicht loslassen, weil das Nervensystem es nicht zulässt.
Genau hier kommt das Endocannabinoid-System (ECS) ins Spiel. Das ECS ist ein körpereigenes Regulationssystem, das unter anderem Entzündungsreaktionen, Schmerzwahrnehmung und Muskeltonus beeinflusst. Es wirkt nicht strukturell – es reguliert die Feinabstimmung. Bei Pferden mit chronischer diffuser Steifheit, bei denen klassische Ansätze nicht ausreichen, kann eine gezielte Unterstützung des ECS ein sinnvoller Baustein sein.
Das ECS ist unter Pferdebesitzern noch wenig bekannt. Was es genau ist, wie es funktioniert und wie es unterstützt werden kann, erfährst du hier: Das Endocannabinoid-System beim Pferd.
Equine 74® Core Connect wurde entwickelt, um das ECS des Pferdes ernährungsphysiologisch zu unterstützen. Fermentierte Bio-Hanfsamen liefern Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren – die Bausteine, aus denen der Körper seine eigenen Endocannabinoide bildet. Ergänzt wird das durch Calcareous Marine Algae Lithothamnion Glaciale (Maerl) als natürliche Mineralstoffquelle. Core Connect kann als sinnvoller Baustein eingesetzt werden – aber nur dann, wenn die Grundlagen stimmen: Haltung, Bewegung und Fütterung müssen optimiert sein.
Muskeln & Laktat
Hyyppä, S. (1998). https://doi.org/10.1016/s0749-0739(17)30215-8
Aleman, M. (2008). https://doi.org/10.1016/j.nmd.2008.01.001
Gelenke & Arthrose
Baccarin, R. Y. A. et al. (2022). https://doi.org/10.1093/af/vfac026
Nährstoffe: Selen & Vitamin E
Finno, C. J. & McKenzie, E. C. (2025). https://doi.org/10.1016/j.cveq.2024.11.001
Endocannabinoid-System (ECS)
Di Salvo, A. et al. (2024). https://doi.org/10.1007/s11259-024-10509-7 Chiocchetti, R. et al. (2021). https://doi.org/10.1111/evj.13305