Jeder kennt das Immunsystem – das körpereigene Abwehrnetzwerk. Jeder hat eine Vorstellung vom Nervensystem – dem Kommunikationsnetz, das Reize weiterleitet und Bewegungen steuert. Aber das Endocannabinoid-System? Der Begriff klingt ungewohnt, fast chemisch. Dabei ist das ECS eines der ältesten und am weitesten verbreiteten Regulationssysteme im Säugetierkörper – und damit auch im Körper deines Pferdes.
Das ECS ist kein einzelnes Organ, das sich im Körper lokalisieren lässt. Es ist ein systemübergreifendes Netzwerk aus Botenstoffen, Andockstellen und Enzymen, das sich durch das gesamte Nervensystem, das Immunsystem und den Bewegungsapparat zieht. Seine Aufgabe: das innere Gleichgewicht aufrechterhalten – die sogenannte Homöostase.
Stell dir das ECS wie einen Thermostat vor. Wird es zu warm, regelt er herunter. Wird es zu kalt, heizt er nach. Das ECS funktioniert ähnlich – nur nicht für Temperatur, sondern für Prozesse wie Schmerzempfinden, Entzündungsreaktionen, Stressantworten und Muskelspannung. Es erkennt, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, und gibt dem Körper das Signal, gegenzusteuern.
Lange wurde das ECS in der Veterinärmedizin kaum beachtet. Das hat sich in den letzten Jahren geändert: Aktuelle Studien belegen, dass die zentralen Andockstellen des ECS, die Rezeptoren, beim Pferd in zahlreichen Geweben nachgewiesen werden können, darunter Gelenkschleimhaut, Rückenmarksganglien, Darm und Gehirn.
Das ECS ist kein Nischensystem für Extremsituationen. Es arbeitet dauerhaft im Hintergrund – bei jedem Training, jeder Stresssituation, jeder Erholungsphase. Wenn es gut funktioniert, fällt das kaum auf. Wenn es aus dem Gleichgewicht gerät, zeigt sich das oft dort, wo Pferdebesitzer es am wenigsten erwarten: in der Bewegung.
Um zu verstehen, wie das Endocannabinoid-System arbeitet, hilft ein Blick auf seinen Aufbau. Das ECS besteht aus drei Elementen, die zusammenspielen wie Schlüssel, Schloss und Schlossmacher.
Endocannabinoide sind Signalmoleküle, die der Körper selbst produziert – bei Bedarf, nicht auf Vorrat. Die zwei bekanntesten sind Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG). Anandamid wird oft als „Glücksbotenstoff" bezeichnet, weil es unter anderem nach körperlicher Bewegung ausgeschüttet wird und Wohlbefinden fördert. 2-AG ist mengenmäßig das häufigere der beiden und spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Entzündungsreaktionen.
Beide werden vom Körper genau dann gebildet, wenn sie gebraucht werden – etwa nach Belastung, bei Schmerzen oder in Stresssituationen.
Endocannabinoide wirken, indem sie an spezifische Rezeptoren andocken. Die wichtigsten sind CB1 und CB2. CB1-Rezeptoren sitzen vorwiegend im Nervensystem und steuern dort Reizverarbeitung, Motorik und Stressreaktionen. CB2-Rezeptoren finden sich hauptsächlich im Immunsystem und in peripheren Geweben – und sind besonders relevant für die Regulation von Entzündungsprozessen.
Beim Pferd wurden beide Rezeptortypen inzwischen in zahlreichen Geweben wissenschaftlich nachgewiesen: in der Gelenkschleimhaut, in den sensiblen Nervenwurzeln des Rückenmarks, im Darm, in der Haut und in Bereichen des Gehirns, die für Schmerzverarbeitung und Stressantwort zuständig sind.
Endocannabinoide werden nicht dauerhaft im Körper gespeichert. Enzyme bauen sie nach getaner Arbeit wieder ab. Das wichtigste abbauende Enzym für Anandamid ist FAAH (Fettsäureamidhydrolase), für 2-AG ist es MAGL (Monoacylglycerollipase). Dieser kontrollierte Abbau ist wichtig – er verhindert, dass Signale zu lange wirken.
Bemerkenswert am ECS ist die Richtung, in die es kommuniziert: rückwärts. Wenn eine Nervenzelle feuert und dabei zu viel Aktivität entsteht, sendet die nachgeschaltete Zelle Endocannabinoide zurück zur ersten – als Signal, die Ausschüttung zu drosseln. Dieses sogenannte retrograde Signalsystem macht das ECS zu einem Dämpfer und Regulator, der verhindert, dass Reaktionen im Körper unkontrolliert eskalieren.
Das ECS arbeitet nicht in einem einzigen Bereich des Körpers – es ist überall dort aktiv, wo ein Gleichgewicht gehalten werden muss. Beim Pferd sind vor allem fünf Felder relevant, in denen das ECS eine nachgewiesene Rolle spielt.
Das ECS ist eines der wichtigsten körpereigenen Systeme zur Verarbeitung von Reizen – darunter Schmerz- und Berührungsreize. Endocannabinoide unterstützen die regulierte Weiterleitung dieser Signale entlang der Nervenbahnen, sowohl im Rückenmark als auch in peripheren Geweben. CB1-Rezeptoren wurden beim Pferd in den sensiblen Nervenwurzeln des Rückenmarks (Dorsal Root Ganglia) nachgewiesen, die genau für diese Signalübertragung zuständig sind. Ein gut funktionierendes ECS hilft dem Körper, diese Reize in einem geregelten Rahmen zu verarbeiten – ohne dass Signale unkontrolliert verstärkt werden.
Entzündungen sind keine Fehlfunktion, sondern ein wichtiger Schutzmechanismus. Das Problem entsteht, wenn sie nicht rechtzeitig wieder heruntergeregelt werden. CB2-Rezeptoren spielen hier eine zentrale Rolle: Sie unterstützen die natürliche Regulationsfähigkeit von Immunzellen und helfen dem Körper, Entzündungsreaktionen rechtzeitig herunterzuregeln. In der Gelenkschleimhaut des Pferdes wurden sowohl CB1- als auch CB2-Rezeptoren nachgewiesen – und ihre Anzahl steigt nachweislich, wenn Entzündung vorliegt. Das legt nahe, dass der Körper bei Entzündung aktiv versucht, das ECS zur Gegenregulation einzusetzen.
Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft – eine sinnvolle Reaktion in akuten Situationen. Hält dieser Zustand dauerhaft an, entstehen Probleme: erhöhter Muskeltonus, Überreizung des Nervensystems, gestörte Regeneration. Das ECS wirkt hier als Dämpfer. In der Amygdala des Pferdes – dem Hirnbereich, der für Angst, Stress und emotionale Reizverarbeitung zuständig ist – wurden CB1- und CB2-Rezeptoren nachgewiesen. Das ECS ist damit direkt an der Verarbeitung von Stressreizen beteiligt.
Bewegung entsteht nicht allein durch Muskeln und Gelenke – sie setzt voraus, dass das Nervensystem Spannung und Entspannung präzise steuert. Das ECS ist an dieser Feinabstimmung beteiligt: Es reguliert, wie stark Muskeln auf Reize reagieren, wie schnell sie sich nach Belastung erholen und wie gut der Körper zwischen Anspannung und Loslassen wechseln kann. Einschränkungen in diesem Bereich – erhöhter Tonus, verlängerte Einlaufzeit, fehlende Geschmeidigkeit – können ein Hinweis sein, dass die körpereigene Regulation nicht optimal arbeitet.
Nach Belastung muss der Körper aktiv in einen Erholungsmodus wechseln. Das ECS unterstützt diesen Übergang, indem es Entzündungsreaktionen begrenzt, das Nervensystem beruhigt und Gewebeprozesse koordiniert. Pferde mit eingeschränkter ECS-Funktion zeigen häufig verlängerte Erholungsphasen nach dem Training – nicht weil die Substanz fehlt, sondern weil die Regulation nicht effizient genug anspringt.
Das ECS kommuniziert über Rezeptoren, die in fast allen Geweben des Körpers verteilt sind. Die zwei am besten erforschten heißen CB1 und CB2. Sie unterscheiden sich in ihrer Lage, ihrer Funktion – und damit auch darin, was passiert, wenn sie aktiviert werden.
CB1-Rezeptoren sitzen vorwiegend im zentralen und peripheren Nervensystem. Sie sind an der Steuerung von Reizverarbeitung, Muskelkoordination und der Verarbeitung von Stressreizen beteiligt. Wenn Endocannabinoide an CB1 andocken, dämpfen sie die neuronale Überaktivität – das System fährt herunter, Signale werden gefiltert, Muskeln können loslassen.
Beim Pferd wurden CB1-Rezeptoren unter anderem in den Dorsal Root Ganglia nachgewiesen – jenen Nervenzellknoten entlang der Wirbelsäule, die Schmerz- und Berührungsreize aus dem gesamten Körper weiterleiten. Auch in der Amygdala, dem für Stressverarbeitung zuständigen Hirnbereich, konnten CB1-Rezeptoren beim Pferd nachgewiesen werden. Das bedeutet: Das ECS greift direkt dort ein, wo Schmerzreize verarbeitet und Stressreaktionen ausgelöst werden.
CB2-Rezeptoren finden sich hauptsächlich in Immunzellen und im Gewebe außerhalb des Gehirns. Ihre Hauptaufgabe ist die Steuerung von Entzündungsreaktionen: Sie bremsen Prozesse, die Entzündung anheizen, und helfen dem Körper, nach einer Immunreaktion wieder in den Normalzustand zurückzukehren.
Für das Bewegungsthema besonders relevant: CB2-Rezeptoren wurden in der Gelenkschleimhaut des Pferdes nachgewiesen. Das ist das Gewebe, das die Innenseite der Gelenke auskleidet, Gelenkflüssigkeit produziert und maßgeblich daran beteiligt ist, wie gut ein Gelenk mit Belastung umgeht.
Interessant dabei: In entzündetem Gelenkgewebe wurden deutlich mehr CB2-Rezeptoren gefunden als in gesunden Gelenken. Der Körper scheint also auf Entzündung zu reagieren, indem er mehr Andockstellen für das ECS bereitstellt – so als würde er aktiv nach Unterstützung aus dem eigenen Regulationssystem rufen. CB1-Rezeptoren wurden ebenfalls im Fesselgelenk gesunder Pferde nachgewiesen, gemeinsam mit weiteren cannabinoid-verwandten Rezeptoren.
Das deutet darauf hin, dass das ECS im Gelenk kein passiver Beobachter ist, sondern ein aktiver Mitspieler – sowohl im gesunden Alltag als auch in dem Moment, wo Entzündung entsteht und der Körper gegensteuern muss.
CB1 und CB2 arbeiten nicht unabhängig voneinander. In vielen Geweben kommen beide vor und ergänzen sich: CB1 beeinflusst, wie das Nervensystem Signale weitergibt – also zum Beispiel, ob ein Reiz verstärkt oder gedämpft weitergeleitet wird. CB2 steuert gleichzeitig die Immunantwort im selben Bereich. Dieses Zusammenspiel macht das ECS zu einem System, das gleichzeitig auf neurologischer und immunologischer Ebene eingreifen kann.
Das ECS arbeitet im Hintergrund, solange alles stimmt. Doch wie jedes Regulationssystem hat es Grenzen. Bestimmte Faktoren können dazu führen, dass Endocannabinoide nicht mehr in ausreichender Menge gebildet oder zu schnell wieder abgebaut werden – und die körpereigene Balance schwerer aufrechtzuerhalten ist.
Dauerhafter Stress ist einer der stärksten Störfaktoren. Pferde, die chronisch unter Anspannung stehen – zum Beispiel durch Haltungsbedingungen, instabile Herdenstrukturen, hohe Trainingsintensität oder häufige Transporte – produzieren dauerhaft Stresshormone, die das ECS langfristig belasten. Das System läuft gewissermaßen auf Dauerbetrieb, ohne ausreichend Zeit zur Erholung.
Intensive oder einseitige körperliche Belastung kann das Gleichgewicht ebenfalls verschieben. Muskeln, Sehnen und Gelenke, die regelmäßig stark beansprucht werden, benötigen eine funktionierende Regulation – fehlt sie, kann die körpereigene Regulation schwerer anspringen und Erholungsphasen verlängert werden.
Auch das Alter spielt eine Rolle. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Effizienz vieler körpereigener Systeme – das ECS eingeschlossen. Ältere Pferde zeigen häufiger Anzeichen einer eingeschränkten Regulationsfähigkeit, ohne dass eine klare strukturelle Ursache vorliegt.
Darüber hinaus kann ein Mangel an bestimmten Nährstoffen die Bildung von Endocannabinoiden beeinträchtigen, da diese aus Fettsäuren synthetisiert werden. Eine unzureichende Versorgung mit essenziellen Fettsäuren – etwa Omega-3 – kann die ECS-Aktivität indirekt schwächen.
Ein aus dem Gleichgewicht geratenes ECS zeigt sich selten durch ein einzelnes, eindeutiges Symptom. Häufiger ist ein Muster aus mehreren Beobachtungen, die für sich genommen unspezifisch wirken – zusammen aber ein Bild ergeben:
Diese Zeichen müssen immer tierärztlich abgeklärt werden – sie können viele Ursachen haben. Gleichzeitig lohnt es sich, das ECS als möglichen Faktor im Blick zu behalten, gerade wenn strukturelle Befunde fehlen oder Maßnahmen nur begrenzt anschlagen.
Das ECS lässt sich nicht durch eine einzelne Maßnahme „reparieren" – es ist ein systemübergreifendes Netzwerk, das auf viele Faktoren gleichzeitig reagiert. Sinnvolle Unterstützung setzt deshalb an mehreren Stellen an: im Management, in der Haltung und – wenn nötig – über die Fütterung.
Das ECS wird durch Bewegung aktiv stimuliert. Regelmäßige, gleichmäßige Belastung fördert die Ausschüttung von Endocannabinoiden – insbesondere Anandamid, das unter anderem nach aerober Bewegung freigesetzt wird. Dabei geht es nicht um Hochleistungstraining, sondern um kontinuierliche, artgerechte Bewegung: ausreichend Auslauf, wenig Stehzeiten in der Box, stabile soziale Strukturen in der Herde.
Auch die Aufwärmphase spielt eine Rolle. Ein ausreichend langes Einlaufen im Schritt – mindestens 20 Minuten auf ebenem Boden – gibt dem Nervensystem Zeit, in den Arbeitsmodus zu wechseln, bevor höhere Anforderungen gestellt werden. Pferde, die regelmäßig kalt in die Arbeit genommen werden, setzen ihre Regulationsmechanismen von Anfang an unter Druck.
Stress ist einer der stärksten Gegenspieler eines funktionierenden ECS. Haltungsbedingungen, die chronischen Stress erzeugen – enge Boxen, häufige Wechsel der Bezugspersonen oder der Herde, unregelmäßige Fütterungszeiten – belasten das System dauerhaft. Stressreduktion im Alltag ist damit nicht nur eine Frage des Wohlbefindens, sondern direkt relevant für die Regulationsfähigkeit des Körpers.
Da Endocannabinoide aus Fettsäuren synthetisiert werden, beeinflusst die Fütterung die ECS-Aktivität direkt. Eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Omega-3-Fettsäuren – etwa über Leinöl oder Leinsamenschrot – unterstützt die körpereigene Produktion von Endocannabinoiden. Auch eine insgesamt bedarfsgerechte Mineralstoff- und Nährstoffversorgung ist Grundvoraussetzung dafür, dass körpereigene Regulationsprozesse reibungslos funktionieren.
Wenn Management und Basisversorgung stimmen und das ECS dennoch Unterstützung braucht – etwa bei älteren Pferden, Pferden mit hoher Trainingsbelastung oder anhaltenden Zeichen eingeschränkter Regulationsfähigkeit – kann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein.
Equine 74® Core Connect wurde speziell für diesen Ansatz entwickelt: Fermentierte Bio-Hanfsamen liefern Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren als Bausteine, die der Körper des Pferdes für die eigene Endocannabinoid-Synthese nutzt. Die enthaltene Calcareous Marine Algae Lithothamnion Glaciale (Maerl) ergänzt die Mineralstoffversorgung. Mehr dazu auf der Equine 74® Core Connect Produktseite und in den FAQ zum Produkt.
Chiocchetti et al. (2021). https://doi.org/10.1111/evj.13305
Di Salvo et al. (2024). https://doi.org/10.1007/s11259-024-10509-7
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